New Work: „Der Mensch wird immer im Mittelpunkt stehen.“

Florian Gansemer, 33, ist Geschäftsführer von kununu engage, einem Start-up, das zur XING-Tochter kununu gehört. kununu engage ist eine Software zur anonymen Mitarbeiterbefragung. Außerdem gründete Gansemer 2017 das Startup Lunchzeit, eine App, mit Hilfe derer sich Mitarbeiter größerer Unternehmen schnell und unkompliziert miteinander verabreden können, um die Zusammenarbeit und Kommunikation zu verbessern.

Florian Gansemer: Der Mensch wird immer im Mittelpunkt stehen.

Herr Gansemer, als Geschäftsführer und Gründer haben Sie bestimmt einen ziemlich ausgefüllten Arbeitstag. Welche Rolle spielt berufliche Weiterbildung für Sie? Spielt sie überhaupt eine Rolle?

Continuous Learning ist schon sehr wichtig für mich. Ich glaube, das spiegelt sich auch in meinen Tätigkeiten wider. Lunchzeit habe ich auch deshalb gegründet, weil ich unbedingt wissen wollte, wie das Leben als Unternehmer ist. Ich habe viele Dinge angepackt, die ich als Angestellter nie gemacht hätte und jeden Tag dazugelernt – vor allem über mich selbst. Die Position bei kununu habe ich dann auch deshalb angetreten, weil sich daraus für mich ganz neue Tätigkeitsfelder ergeben haben, die ich so bisher nicht kannte.

Sie haben vor einigen Jahren mal einen Kurs belegt, der von der Agentur für Arbeit gefördert wurde. Mögen Sie erzählen, wie es dazu kam?

Klar, gerne. Ich habe damals meinen Job gekündigt, um mehrere Monate durch die Welt zu reisen. Nach meiner Rückkehr habe ich erst einmal verschiedene Dinge ausprobiert. Vor allem das „digitale Nomadentum“ hatte es mir angetan. Daher versuchte ich, Wege zu finden, online Geld zu verdienen. Die Agentur für Arbeit hat mir in der Zeit eine Weiterbildung angeboten und ich entschied mich für einen Online-Marketing-Kurs bei WBS TRAINING. Ich hatte in diesem Bereich bislang kaum Erfahrungen sammeln können. Als ich die Weiterbildung damals begann, war ich zugegebenermaßen noch ein wenig skeptisch, denn es herrschen ja gewisse Vorurteile in Bezug auf geförderte Weiterbildungen …

Welche Vorurteile meinen Sie?

Naja, ich glaube, die Leute denken, dass die Arbeitsagentur Arbeitslose eher in zweitklassige Weiterbildungen vermittelt. Oder dass in diesen Kursen Menschen ohne Perspektive stecken. Woher dieser Eindruck kommt, weiß ich nicht, denn der deckt sich überhaupt nicht mit meinen Erfahrungen.

Welches sind denn Ihre Erfahrungen?

Also, ich war sehr angetan von der insgesamt sehr hohen Qualität der Weiterbildung. Ich habe noch immer zu einigen Personen aus meinem Kurs damals Kontakt und alle sind längst wieder im Job. Andere Bekannte haben während der Arbeitslosigkeit ihre Englischkenntnisse vertiefen können, was sie ebenfalls als positiv beschrieben.

Wie fühlt sich diese Zeit im Rückblick für Sie an? War sie notwendig oder hätten Sie auf die Erfahrung, ohne Job zu sein, auch gut verzichten können?

Um ehrlich zu sein: Ich schaue wirklich gern auf diese Zeit zurück. Ich blicke generell eher zuversichtlich in die Zukunft und bin auch ein recht umtriebiger Typ. Deshalb hatte ich auch keine Angst davor, keinen Job zu finden, sondern habe mich kreativ ausgetobt und Neues erlernt. Nebenbei habe ich viel Sport gemacht und mir auch Ruhepausen gegönnt. Die waren wichtig, um zu überlegen, welches der nächste Karriereschritt für mich sein könnte.

Florian Gansemer pendelt beruflich zwischen Hamburg und Berlin.
Florian Gansemer pendelt beruflich zwischen Hamburg und Berlin. (Foto: privat)

Zurück in den Berufsalltag. Wenn Sie jemandem „New Work“ erklären müssten, welcher Begriff oder welches Attribut fiele Ihnen da spontan ein? Und warum?

Ganz spontan fallen mir zwei Begriffe ein: Partizipation und Vertrauen. Meines Erachtens geht es bei New Work sehr stark um eine Veränderung der Einstellung von Führungskräften und Mitarbeitern. Gerade Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meiner Generation oder jünger möchten in Entscheidungen eingebunden werden. Es geht um Mitsprache und Mitgestaltung. Auf der anderen Seite geht es darum, dass Führungskräfte Verantwortung abgeben und ihrem Team zutrauen, dass es den besten Weg zum Ziel findet. Als Führungskraft sollte man jederzeit als Coach oder Mentor ansprechbar sein.

Remote oder Präsenz: Wo arbeiten Sie lieber? Und warum?

Ich bin sehr viel unterwegs, pendle zwischen Hamburg und Berlin, mein Chef sitzt in Boston. Ohne Remote-Arbeit geht bei uns gar nichts mehr. Und es funktioniert auch mittlerweile ganz gut, weil wir die entsprechenden Tools etabliert haben. Aber ich finde auch, dass nichts das persönliche Gespräch ersetzt. Ich bin viel produktiver, wenn meine Kolleginnen und Kollegen um mich herum sind. Und vor allem bekomme ich dann auch leichter ein Gespür dafür, wie gerade die Stimmung ist …

Alle sprechen vom Arbeiten 4.0, aber was kommt eigentlich danach? Wie ist Ihre Vision von einer Zukunft der Arbeit?

Ich glaube, die Arbeitswelt ist in einem sehr starken Umbruch – aber nur die Wenigsten sind sich dessen wirklich bewusst. Damit meine ich einerseits die Technologie, die Dinge ermöglicht, die vor 20 Jahren niemand für möglich gehalten hat. Auf der anderen Seite sehe ich aber auch die Veränderung der Arbeitskultur, von deren Umfang wir uns jetzt noch gar kein Bild machen können. Übrigens glaube ich nicht daran, dass bald nur noch Roboter unsere Arbeit erledigen werden. Der Mensch wird immer im Mittelpunkt stehen und genügend Arbeit haben. Sie wird sich eben nur verändern.

Danke für Ihre Offenheit und weiterhin viel Erfolg, lieber Herr Gansemer!

Artikelbild von Hannah Wei

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