Geschichten wie Puzzlestücke, die das eigene Leben bereichern.

Die Altenpflege ist enorm wichtig für eine Gesellschaft im demografischen Wandel, wie die unsere. Das hat auch die Politik erkannt und plant bereits, den Pflege-Mindestlohn bis 2020 von 10,20 Euro auf 11,35 Euro pro Stunde im Westen und von 9,50 Euro auf 10,85 Euro im Osten zu erhöhen. Das ist für viele Menschen eine längst ausstehende Wertschätzung dieses Berufes, der ihrer Meinung nach die Achtung und Anerkennung der gesamten Gesellschaft verdient.

Dies belegen auch die Geschichten von Christine Knabe, 54 Jahre, aus Berlin. Die examinierte Krankenschwester hat nicht nur Soziale Arbeit studiert, sondern ist ebenfalls staatlich anerkannte Altenpflegerin, Fachberaterin für Suchtkranke und Sachverständige für Pflege. Darüber hinaus bildet sie mit 35 Jahren Berufserfahrung in der praktischen Pflege auch zukünftiges Pflegefachpersonal aus. Wir haben mit ihr über das Berufsbild der Altenpflege und die Zukunft der Pflege gesprochen.

Frau Knabe, seit wann sind Sie Trainerin in der Pflegeausbildung?

Ich bilde schon lange neue Pflegefachkräfte aus. Mittlerweile habe ich über 35 Jahre Praxiserfahrung, da ich parallel zum Unterrichten immer weiter in der Pflege gearbeitet habe. In der kontinuierlichen Arbeit direkt am Patienten sammele ich jede Menge konkrete Beispiele für den Unterricht. Die Schülerinnen und Schüler erhalten so praktisches Wissen, das ich mit den aktuellen Kenntnissen der Theorie verknüpfe. Neben der Pflege und dem Unterrichten bin ich ebenfalls noch beratend tätig und unterstütze Pflegehaushalte in der Umsetzung von Pflegekonzepten.

Was mögen Sie besonders an Ihrem Beruf?

Frau mittleren Alters mit blonden Haaren und schwarzer Kleidung
Christine Knabe, Fachpflegekraft und Trainerin für Weiterbildungen in der Pflege und Pflegeberatung

Ich genieße besonders die Vielfalt der einzelnen Aufgaben aller Bereiche. Wenn sich Belastungen aus den einzelnen Elementen ergeben, gleichen sie sich untereinander wieder aus. Wenn beispielsweise ein Dienst sehr anstrengend war, genieße ich die Abwechslung, wenn ich ein Seminar unterrichte oder an der Umsetzung eines Pflegekonzeptes arbeite. Die unterschiedlichen Menschen denen ich begegne, bringen viel Abwechslung in meinen Berufsalltag. Das ergänzt sich prima. Mein Level an Energie ist viel nachhaltiger durch die fehlende Routine, so bleibt mein Geist frisch.

Welche Eigenschaften braucht man für den Pflegeberuf?

Jeder, der in der Pflege arbeiten möchte, sollte gut kommunizieren und zuhören können. Angehende Pflegekräfte sollten in der Lage sein, auf sich selbst zu achten und die eigene körperliche und seelische Gesundheit stets im Blick haben. Der Beruf kann sehr anstrengend sein und viel Energie ziehen. Daher sollte sich jeder einen Ausgleich suchen, zum Beispiel können Freizeitbeschäftigungen wie Sport oder Kultur hilfreich sein. So können die eigenen Akkus wieder aufgeladen werden.

Was sagen Sie zu dem Berufsbild Pflegefachkraft?

Pflegebedürftigkeit kann jeden treffen, ob Banker, Professor oder Verkäufer, jeder kann in diese Situation kommen. Dies betrifft die ganze Gesellschaft, leider kommt die Achtung und Anerkennung für diesen Beruf oft zu kurz. Ich habe als examinierte Krankenschwester und Pflegerin eine medizinische Ausbildung genossen, daher kann ich mir ein eigenes Bild vom Patienten machen und eine Behandlungsmethode festlegen. Die Fachkompetenz des Pflegepersonals wird nur heutzutage häufig selbst von Patienten und Angehörigen in Frage gestellt. Vor 20 Jahren hatte man als Krankenschwester noch einen anderen Stellenwert, da wurden Entscheidungen und die medizinische Autorität des Pflegepersonals nicht angezweifelt. Heute werden die Patienten häufig als Kunden und die Pflegenden als reine Dienstleister betrachtet, die so zeiteffizient wie möglich von Tür zu Tür fahren müssen. Darüber hinaus werden die Herausforderungen in einem Pflegehaushalt immer noch nicht durchweg angemessen vergütet.

Warum sollte man einen Pflegeberuf ergreifen?

Die Ausübung eines Pflegeberufs ist eine zutiefst sinngebende Tätigkeit. Bedingt durch den demographischen Wandel bieten Pflegeberufe zudem eine sichere Position am Arbeitsmarkt. Mir persönlich gefällt es, dass ich die unterschiedlichsten Menschen und deren ganz besonderen Geschichten kennenlerne, also einen Einblick in deren Biografien erhalte. Ältere Menschen z. B. haben häufig viel Redebedarf und freuen sich, jemandem Anekdoten aus ihrem Leben erzählen zu können. So erfahre ich hautnah Erlebnisse aus einer längst vergangenen Zeit, die ich nicht mehr miterleben konnte. Das ist wie ein kleiner Schatz, der mir mitgegeben wird.

Das klingt spannend. Was für Geschichten sind das?

Eine Patientin beispielsweise schilderte mir sehr eindrücklich die Geschichte ihrer großen Liebe. Sie kam aus einem kleinen, sehr katholischen Dorf, in dem nur Landwirte lebten. Doch sie suchte sich den evangelischen Sohn des Ziegeleibesitzers aus dem Nachbardorf aus. Das war damals ein Skandal. Sie musste sich hart durchsetzen, um ihn letztendlich heiraten zu können. Leider ist er sehr früh im zweiten Weltkrieg gestorben und hinterließ sie mit 23 Jahren und zwei Kindern. Sie hat ein Gedicht über diese Zeit geschrieben, dass sie mir vorgetragen hat. Solche Erlebnisse berühren mich sehr. Sie sind wie kleine Puzzlestücke aus der Vergangenheit, die mein eigenes Leben bereichern. Für mich steht der Pflegeberuf auch für die professionelle Auseinandersetzung mit dem menschlichen Sein, Werden und Vergehen. Das geht nicht spurlos an einem vorbei und lässt den Pflegenden für sein eigenes Leben wachsen und reifen.

Vielen Dank, Frau Knabe, für das interessante Gespräch und noch viel Erfolg für Ihre berufliche Zukunft.

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