Die Brasilianerin Marcia Renon (47) hat mit ihrer Umschulung zur Speditions- und Logistikkauffrau zwei Herausforderungen auf einmal gemeistert: Ihren persönlichen beruflichen Neuanfang und die Aneignung der deutschen Sprache. Über zwölf Jahre hat sie mit ihrem Mann in einer Eisdiele in Bautzen gearbeitet, bis ein Schicksalsschlag sie aus den gewohnten Bahnen warf. Wie sie den Mut für den beruflichen Richtungswechsel und ein neues Leben aufbrachte, erzählt sie uns in einem Interview.

Welche Berufserfahrung hatten Sie vor der Umschulung zur Speditions- und Logistikkauffrau?

In meinem Heimatland Brasilien habe ich in einer Bank gearbeitet. Dort ist das ein bisschen anders als in Deutschland – ich habe für die Arbeit in der Bank keine spezielle Ausbildung gebraucht. Mit 23 Jahren bin ich nach Europa gereist, zuerst nach Italien und Spanien, dann nach Deutschland. Hier habe ich zwölf Jahre lang in einer Eisdiele in Bautzen gearbeitet, teilweise mit meinem Mann zusammen. Wir haben hier mit unserem Sohn über die Eissaison in Deutschland gelebt und sind dann im Winter nach Brasilien in den Sommer geflogen.

Marcia Renon: Ein Lachen, das ansteckt.

Warum haben Sie sich für eine Umschulung im Bereich Spedition bei der WBS entschieden?

Als mein Sohn zwölf Jahre alt war, ist mein Mann verstorben und ich war plötzlich alleine. Ich habe mir viele Sorgen um den Jungen gemacht, weil er sehr eng mit seinem Vater war. Zudem hatte ich wenig Zeit, mich um ihn zu kümmern, da ich immer an den Wochenenden arbeiten musste. Ein Jahr habe ich das alleine gemacht, aber dann wurde mir klar, dass ich nicht mein ganzes Leben in dieser Eisdiele bleiben kann, und dass ich etwas anderes machen muss, damit es weitergeht. Mein erster Gedanke war, dass ich etwas mit Sprachen machen möchte. Ich spreche Portugiesisch, Spanisch, Italienisch und jetzt auch Deutsch. Ich habe mich dann beim Jobcenter beraten lassen und meine Bearbeiterin hat mir vorgeschlagen, eine Umschulung im Bereich Spedition bei der WBS zu machen, weil ich hier meine Sprachkenntnisse gut nutzen kann. Für die Umschulung bei der WBS wurden die Kosten vom Jobcenter übernommen, und ich konnte einen Monat später anfangen, gleich bei mir um die Ecke, wo ich wohne. Da habe ich gesagt: ‚Natürlich, das mache ich sofort!‘

Was waren die größten Herausforderungen während Ihrer Umschulung?

Am schwierigsten war das Vokabular, die Fachbegriffe, die man nicht jeden Tag hört. Ich habe damals, als ich nach Deutschland gekommen bin, keinen Integrationskurs belegt, mein Deutsch habe ich sozusagen auf der Straße und in der Gastronomie gelernt. Plötzlich war ich dann in dieser Umschulung und habe oft nicht verstanden, was man von mir will. Ich habe dann immer mein Wörterbuch neben meinem Headset gehabt und schnell nachgeguckt, was das alles bedeutet. Besonders hart waren die Prüfungen, weil man da ganz viel schreiben muss und kurz zuvor mein Mann gestorben ist. Da war es schwer für mich, mich aufs Lernen zu konzentrieren. Deshalb habe ich die Prüfung nicht bestanden. Aber mein Deutsch wurde nach einiger Zeit schnell besser und die Trainer haben mich ermutig, weiterzumachen.

Gab es etwas, was Ihnen besonders Spaß während der Umschulung gemacht hat?

Der Kurs hat mir sehr viel Spaß gemacht, ich habe sogar noch Kontakt zu einigen Leuten und treffe mich regelmäßig. Alle haben mir super geholfen wenn ich etwas nicht verstanden habe. Seitdem ist für mich vieles leichter geworden, vor der Umschulung war alles neu, und ich war über 20 Jahre aus der Schule raus. Ich habe zwei Dinge gleichzeitig gemacht: Die Umschulung mit all den Fachbegriffen und dazu noch ein neues Deutsch gelernt. Ich habe mich mit den WBS-Mitarbeitern in Bautzen super gut verstanden und gehe sie öfter besuchen. Dann bringe ich manchmal brasilianische Pralinen vorbei, wir sind schon beim „Du“ angekommen. Deshalb habe ich die WBS auch vielen Leuten weiterempfohlen.

Wie haben Sie den Job bei ihrem jetzigen Arbeitgeber bekommen?

Ich habe mein Umschulungspraktikum bei dem Logistikunternehmen Missale gemacht. Den Kontakt hatte ich über meine Schwester, die den Geschäftsführer kannte. Mein Chef war schon während des Praktikums sehr zufrieden mit mir, vor allem, weil ich so viele Sprachen spreche und – wie mich meine Kollegen hier nennen – der Sonnenschein der Firma bin. Meine Kollegen sind sehr freundlich und mein Arbeitgeber findet es nicht schlimm, wenn ich mal eine falsche Vokabel benutze oder Wörter vertausche, ihn interessiert, was ich kann. Als ich mich bei ihm vorgestellt habe, sagte er: ‚Wenn du die Umschulung zur Speditionskauffrau bewilligt bekommst und schaffst, dann kannst du hier dein neunmonatiges Praktikum absolvieren und danach garantiere ich, dass du übernommen wirst‘. Als ich die Prüfung nicht bestanden habe, hatte er trotzdem schon den Vertrag fertiggemacht und ich habe unterschrieben. Das war ein riesen Glück und die Geste hat mir Mut gemacht.

Der Artikel über Marcia Renon in der Onlineausgabe der Sächsischen Zeitung.

Waren Sie nach der Umschulung auf die Aufgaben als Spedition-und Logistikkauffrau gut vorbereitet?

Bei der Umschulung habe ich gelernt, wie so ein Logistikunternehmen funktioniert, hier wurde mir alles gezeigt. Dass mein Arbeitgeber zufrieden mit mir ist, zeigt sich auch dadurch, dass er nach meiner Einstellung sofort die Sächsische Zeitung in die Firma eingeladen hat, damit diese über mich und meine Lebensgeschichte berichtet. Mittlerweile übernehme ich vor allem den Kundenkontakt mit Italien, weil ich die Einzige bin, die die Sprache spricht. Das macht großen Spaß.

Was würden sie Arbeitssuchenden empfehlen, die sich beruflich umorientieren möchten?

Ich habe mir immer gesagt: Auch als Ausländerin kann ich etwas in Deutschland erreichen. Ich wollte mir beweisen, dass ich den Neuanfang schaffen kann. Nach zwölf Jahren Eisdiele wusste ich, dass ich ohne neue Qualifizierung nicht weiterkomme. Ich dachte mir: Ich bin zwar nicht mehr so jung, aber so alt bin ich auch nicht! Also habe ich diese Umschulung zur Speditions- und Logistikkauffrau angefangen und nicht abgebrochen, als es schwer wurde, weil ich diese Sache einfach zu Ende bringen wollte. Jetzt kann ich sagen, wenn die Leute mich fragen, was ich mache: Wow! Ich bin Speditionskauffrau! Darauf bin ich sehr stolz. Außerdem habe ich jetzt festen Urlaub, geregelte Arbeitszeiten und endlich mehr Zeit für meinen Sohn.

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