Können Sie sich vorstellen, als Avatar berufliche Erfahrung zu sammeln? Im digitalen WBS LearnSpace 3D werden Weiterbildungen in einer virtuellen Simulation durchgeführt. Wir haben mit Martin Geugis, Mitglied der Geschäftsleitung bei WBS TRAINING, über den Einsatz von 3D-Simulationen und nachhaltige Lernkultur gesprochen.

Herr Geugis, was ist WBS LearnSpace 3D?

WBS LearnSpace 3D ist eine virtuelle, dreidimensionale Simulation, die unser Weiterbildungsangebot praktisch ergänzt. Konkret führen wir in der 3D-Simulation Praxiswerkstätten zu unterschiedlichen Themen durch. Wer beispielsweise eine Weiterbildung im Bereich Buchführung, Bilanzierung oder DATEV absolviert, kann im Anschluss an einer Praxiswerkstatt im LearnSpace teilnehmen und hier sein theoretische Wissen direkt in der Praxis anwenden. Da gibt es z. B. die virtuelle, fiktive Übungsfirma „GOLDBERG E-Bikes“ in der Teilnehmer erste betriebliche Arbeitserfahrungen auf dem Gebiet der Finanzbuchhaltung sammeln.

Wie funktioniert das genau?

Geschäftsmann vor grauem Hintergrund
Martin Geugis, Mitglied der Geschäftsleitung von WBS TRAINING

Bleiben wir bei dem Beispiel Finanzbuchhaltung. Innerhalb von vier Wochen durchlaufen die angehenden Finanzbuchhalter ein ganzes Geschäftsjahr: von den Eröffnungsbilanzen am Jahresanfang bis hin zu den Abschlussbilanzen am Jahresende. Zu Beginn eines Arbeitstages in der Praxiswerkstatt wählen die Teilnehmer einen eigenen Avatar aus und können sich mit ihm durch den WBS LearnSpace 3D bewegen. Jeder Avatar bzw. Teilnehmer hat ein eigenes Büro, in dem er oder sie morgens typische Aufgaben aus der Finanzabteilung erledigt, zum Beispiel zu Liquiditätsproblemen, Reisekostenabrechnungen oder Umsatzprovisionen. Die Lösung der Aufgaben erfolgt eigenverantwortlich oder in Form einer Gruppenarbeit. In der Mediathek des LearnSpace stehen allen Teilnehmern Lernmaterialien, in Form von E-Books oder Videos zu Fachthemen, zur Verfügung.

Welches didaktische Lernkonzept verfolgt WBS TRAINING mit LearnSpace 3D?

Im WBS LearnSpace 3D wird ein neues Bildungskonzept angewendet, dass die Lernhaltung der Teilnehmer um 180 Grad dreht. Im trainerzentrierten Unterricht trägt der Trainer die Verantwortung für Inhalt und Gestaltung der Wissensvermittlung, während der Teilnehmer größtenteils passiv rezipiert. Umgekehrt sind die Teilnehmer im LearnSpace selbst verantwortlich für ihren Lernerfolg, indem sie konkrete Aufgaben aus der Arbeitswelt lösen. Dafür stehen ihnen in der 3D-Simulation alle Mittel eines „realen“ Büros zur Verfügung. Der Trainer wird zum Lernbegleiter, der den Lernprozess grob strukturiert und den Teilnehmern individuelle Lernpfade ermöglicht. So wird ein neues Grundverständnis von Bildung umgesetzt. Wissen wird nicht nur durch Frontalunterricht vermittelt, sondern in Einzelarbeit oder in einer Gruppensitzung erarbeitet, die der Lernbegleiter, also der Trainer, moderiert und begleitet. Dieser Ansatz spiegelt gegenwärtig den neuesten didaktischen Stand der Wissensvermittlung. Auch im klassischen Schulunterricht hat sich dieses pädagogische Konzept bewährt. Kurz und verdichtet: Es ist der Wandel von einer Lehrkultur zu einer Lernkultur.

In welchem Zusammenhang steht das mit dem Lernen in einer virtuellen Welt?

Der effektivste Lernfortschritt erfolgt immer über positive Emotionen. Neue Informationen prägen sich am ehesten durch ein Aha-Erlebnis ein, zum Beispiel, wenn Teilnehmer Theorie in Praxis umsetzen. Wenn das Gelernte in Form einer Handlung eingebettet wird, verfestigen sich die vermittelten Inhalte wesentlich nachhaltiger. Ein wichtiger Moment in diesem didaktischen Konzept ist die Immersion, d.h. das tiefere Eintauchen in einen betrieblichen Handlungsprozess. Je intensiver dieses Eintauchen stattfindet, desto effektiver und nachhaltiger ist der Lernfortschritt. Für unsere Praxiswerkstätten und Übungsfirmen bedeutet das: Mittels der Simulation tauchen die Teilnehmer in die Rolle als Mitarbeiter eines Unternehmens ein. Sie bekommen ein eigenes Büro, ein Telefon und eine Ablage für ihre Dokumente und können aus dem Fenster in andere Büros blicken. Wenn sich ein Avatar innerhalb der Simulation links von Ihnen befindet, kommt der Ton auch von links – alles wirkt also sehr real. Die Navigation erfolgt über Maus und Tastatur. Aktuell finden zwei Kurse in dem WBS LearnSpace 3D statt. Sie zeigen, dass sich die Teilnehmer gut in der virtuellen Simulation zurechtfinden und gerne in den Übungsfirmen „arbeiten“.

Sitzreihen mit Teilnehmern vor zwei Bildschirmen
Virtuelles Klassenzimmer im Learnspace 3D

Welche Vorteile bieten sich für die Teilnehmer?

Nehmen wir noch einmal das Beispiel der Praxiswerkstatt Finanzbuchhaltung. Der Vorteil für die Teilnehmer liegt beispielsweise in der praktischen Anwendung der Finanzbuchhaltung: Von Standardbuchungen bis hin zum Quartalsabschluss – alle Aufgaben müssen bearbeitet werden, exakt wie in einem realen Betrieb. Die Handlungskompetenz der Teilnehmer wird dadurch für sie erlebbar gemacht. In Stellenanzeigen werden häufig praktische Fachkenntnisse gefordert, die sich viele Teilnehmer nach der Weiterbildung noch nicht zutrauen. Durch die Praxiswerkstatt im WBS LearnSpace 3D erweitern und festigen die Teilnehmer ihr Theoriewissen und eignen sich praktisches Know-how an. Auf diese Weise werden sie selbstsicherer und erhalten praktisches Wissen, mit dem sie auf dem Arbeitsmarkt punkten können. Zusätzlich sind die Absolventen mutiger, sich auf gewisse Stellen zu bewerben. Sie haben bereits Aufgaben aus dem klassischen Arbeitsalltag gelöst und wissen, was sie erwartet – und vor allem wissen sie, was sie können.

Nach der 3D-Simulation, was ist der nächste Schritt im digitalen Lernen?

Teilweise erleben wir in Kursen, dass Teilnehmer keine Maus bedienen können. Früher habe ich gesagt: Dann ist unser digitales Lernkonzept nicht das richtige für sie. Aber heute denke ich, dass ein digitales Verständnis erlernbar und unumgänglich für die heutige Bildung ist. Es gibt keinen Bildungsanbieter, der nicht digital arbeitet. Die 3D-Simulation kann zwar nicht alle Sinne imitieren, wie den Geruch. Jedoch kann beispielsweise die Bedienung von komplizierten Maschinen, virtuell nachgestellt werden. Ich habe bereits den Einsatz von 3D-Brillen bei der Wartung einer Druckmaschine gesehen. Mit einer VirtualReality-Brille und Handschuhen, die mit Sensoren ausgestattet waren, hat die Testperson erst Informationen eingeholt und anschließend die Walze der Druckmaschine ausgetauscht – komplett virtuell. Auf einer Leinwand wurde übertragen, was die Testperson durch die 3D-Brille erlebte. Ich sehe im Einsatz von der 3D-Brillen jedoch keinen essentiellen Mehrwert für die Didaktik. Vielmehr denke ich, dass Simulation und Virtualität die Möglichkeiten für didaktische Konzepte erweitern und unterstützen, aber niemals gute Wissensvermittlung ersetzen können.

Denn am wichtigsten für uns sind die Teilnehmer, die im Rahmen einer Praxiswerkstatt im WBS LearnSpace 3D Arbeitserfahrungen, forschendes Lernen und Theorietransfer kombinieren können. So realisieren wir auf innovative Weise unser Bildungsverständnis im Raum neuester technischer Möglichkeiten und entfalten in einer Entwicklungspartnerschaft mit unserem Partner TriCAT aus Ulm neue Perspektiven für eine nachhaltige, digitale Lernkultur.

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