Homeoffice auf Reisen: ein Selbstversuch.

Es sind 34 Grad im Schatten. Das türkisblaue Meer an der Südküste Kretas erfrischt meine Sinne und bestimmt das Leben auf dieser sonnenreichen griechischen Insel. Um mich herum bewegen sich viele weitere Erfrischungssuchende und Sonnenanbeter in Slow-Motion und Bademontur über den Strand. Während ihre Gedanken an den heimischen Arbeitsalltag beim Anblick der Sonne mehr und mehr verblassen dürften, klappe ich meinen Laptop auf. Denn im Gegensatz zu ihnen bin ich nicht nur zum Baden hier. Ich arbeite zwei Wochen in Teilzeit vom Homeoffice aus, während ich einen Monat auf dieser wunderschönen Insel verbringen darf. Wie gut das klappt und wie man das Homeoffice am besten mit dem Reisen verbindet, darüber berichte ich hier in meinem Selbstversuch.

Homeoffice auf Reisen: ein Selbstversuch.
Arbeiten im Paradies: Beim Anblick von Palmen und Meer gar nicht mal so einfach.

Arbeiten auf Reisen: Privileg oder Stressfaktor?

Selbstverständlich kommt nicht jeder Job für das Experiment “Arbeiten auf Reisen” in Frage. Deshalb fühlt sich allein die Möglichkeit, den eigenen Urlaub zu verlängern und aus dem mobilen Office arbeiten zu können, nach einem Privileg an. Gerade in den kreativen und redaktionellen Berufen wird das Homeoffice oder der flexible Arbeitsplatz immer beliebter. Viele Arbeitnehmer fordern diese Option sogar für sich ein und bevorzugen Firmen, die flexible Arbeitskonzepte ermöglichen. Die Kehrseite dieser modernen Arbeitsformate ist wiederum, dass sich die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend auflöst. Es ist ein bisschen wie mit der Faszination für den Beruf des Reisejournalisten: In der Vorstellung klingt es sehr verlockend, an ferne Orte zu reisen und sich diese Reisen durch das Berichten und Schreiben über diese Orte finanzieren zu können. Aber in der Realität bedeutet das auch ein anderes Reiseerlebnis: Das ständige Notieren und Dokumentieren der eigenen Schritte, viel Kommunikation und der Druck, pünktlich zum Redaktionsschluss empfehlenswerte Insider-Tipps parat zu haben. Die Kombination aus Arbeiten und Reisen birgt somit auch das Potenzial für Überforderung in sich – selbst dann, wenn man gerade am Palmenstrand sitzt.

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Noch stressfrei und sehr entspannt: Homeoffice im Urlaubsdomizil.

Vorbereitungen für das Homeoffice auf Reisen: Gibt es hier W-LAN?

Wer also auf Reisen arbeitet, muss gewisse Vorbereitungen treffen. In meinem Fall war das vor allem der obligatorische W-LAN-Check. Denn so romantisch das Arbeiten von jedem Ort aus auch klingt: Die eigene Flexibilität steht und fällt mit der entsprechenden Internetverbindung. Um mit den Kolleginnen und Kollegen regelmäßig in Verbindung bleiben zu können, sollte zunächst sichergestellt werden, dass das zukünftige Urlaubsdomizil auch die Voraussetzungen dafür bietet. Daher steht die Frage nach der W-LAN-Stabilität oft noch vor der Erkundigung, ob es denn auch einen Kühlschrank und Handtücher vor Ort gibt. Mein Tipp: Einfach im Vorfeld persönlich beim jeweiligen Vermieter nachhaken oder in Rezensionen vorheriger Gäste genauer nachlesen. Auch die schöne Strandhütte am Ende der Welt muss aufgrund ihrer prinzipiellen Abgelegenheit nicht gleich von der Wunschliste gestrichen werden. Ein Hotspot kann im Notfall auch mit dem eigenen Smartphone eingerichtet werden, wenn das eigene Datenvolumen dafür ausreicht oder im Vorfeld aufgestockt wurde. Wenn spontan gar nichts mehr geht, sind Cafés mit freien Wifi-Zugang für die dringendsten Online-Gänge eine gute Notlösung. Die Suche nach dem Netz kann auf Reisen recht abenteuerlich werden. Daher empfehle ich, sich bereits vorab zu überlegen, worüber man sich bei bestehender Verbindung mit dem eigenen Team austauschen oder was man konkret erfragen möchte. Sonst ist es nach der Plauderei über das Wetter zu Hause oft schon wieder vorbei mit dem Internet – und man hat noch nichts über das letzte Teammeeting erfahren.

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Homeoffice am Strand? Klingt romantischer, als es ist, denn Sand und Tastatur vertragen sich eher weniger.

Absprachen mit den Kollegen: Ich bin dann mal – woanders.

Natürlich müssen für das Unterfangen “Homeoffice auf Reisen” auch die Kolleginnen und Kollegen mitspielen. Einige Eventualitäten sollten daher im Vorfeld abgesprochen werden, da auf Reisen eine gewisse Spontaneität für Planänderungen unvermeidlich ist. Ich wurde in der letzten Woche meines Inselabenteuers mutig und habe alle zwei Tage den Ort gewechselt. Das ist zwar abwechslungsreicher – allerdings in Kombination mit der Arbeit aus dem Homeoffice weniger empfehlenswert. Wenn man nämlich neben der Herausforderung, eine neue Unterkunft zu finden, auch noch einen verlässlichen Arbeitsplatz mit W-LAN benötigt, wird jeder Ortswechsel zu einer kleinen Zitterpartie. Dann kann es schon einmal passieren, dass sich die Arbeitszeiten nach hinten verschieben oder spontan abgeändert werden müssen. Hier wird die Kommunikation mit den Kolleginnen und Kollegen umso wichtiger, denn schließlich möchte das Team darüber Bescheid wissen, wann man wieder verfügbar ist. Ich habe hier sehr gute Erfahrungen mit Skype gemacht: auch mit wenig Empfang war es erstaunlich einfach, schnell den Kontakt zu meinem Team herzustellen und eine kurze Nachricht zu übermitteln. Achtung: Eine eventuelle Zeitverschiebung sollte bei der Absprache über die eigenen Arbeitszeiten natürlich bedacht werden.

Homeoffice auf Reisen: ein Selbstversuch.
Das mobile Office ist schnell eingerichtet: Man nehme ein schattiges Plätzchen und vor allem eine gute W-LAN-Verbindung.

Höhen und Tiefen des mobilen Homeoffice

Nach zwei Wochen des Experiments “Arbeiten auf Reisen” fällt mein Resümee folgendermaßen aus: In einer ruhigeren Arbeitsphase und mit einer konkreten Absprache darüber, welche Projekte innerhalb der Reisezeit umgesetzt werden sollten, kann der sogenannte Tapetenwechsel tatsächlich zur Bereicherung für die eigene Arbeitsdynamik werden. Die neue Perspektive und Distanz zum Alltagsgeschehen tut auch der Arbeit gut – und sorgt für neue Inspiration, auch, wenn Arbeit und Erholung gleichzeitig stattfinden. Ich persönlich kann mir diesen Zustand jedoch nicht auf Dauer vorstellen. Ab einem bestimmten Punkt fehlt der unmittelbare Austausch mit den eigenen Kollegen. Das Arbeiten auf Reisen erfordert zudem viel Disziplin, und kann in Frustration umschwenken, wenn Dinge spontan nicht so laufen, wie man es sich vorgestellt hat. Allerdings kann die Suche nach der nächsten W-LAN-Verbindung auch zu witzigen Situationen führen – etwa wenn die Vermieterin der Ferienunterkunft das gesamte Dorf anruft, um das stabilste Netz für einen ausfindig zu machen und einen dadurch auf einen Schlag mit allen Einheimischen bekannt macht.

Homeoffice auf Reisen: ein Selbstversuch.
Kein stabiles W-LAN auf Reisen? Ein Café (bevorzugt mit Meerblick versteht sich) mit Internetzugang ist oft die Rettung.

Arbeiten auf Reise: alles Kopfsache

Wer die Möglichkeit hat, sein Homeoffice auf Reisen aufzuschlagen, dem empfehle ich, eher an einigen festen Orten – mit guter Verbindung und einem Schreibtisch – zu bleiben. Und sich darauf einzustellen, dass beim Arbeiten auf Reisen alles etwas langsamer zugeht. Vor allem, weil der eigene IQ im Urlaub ja bekanntlich um bis zu 60 Prozent sinken soll. Eigentlich ein angenehmer Nebeneffekt, allerdings nicht, wenn man noch produktiv sein muss. Daher sollte das Arbeiten auf Reisen eine Ausnahme bleiben, ebenso wie sich die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit nicht dauerhaft überschneiden sollten. Die Devise, dass einem die besten Ideen kommen, wenn man sich entspannt, kann ich dennoch nur bestätigen. Die Abwechslung schärft die Sinne und lässt vieles mit einem Mal anders wirken, als zuvor. Aufregend ist das Arbeiten im mobilen Homeoffice also in jedem Fall, und kann einem die ein oder andere neue Idee und einen frischen Blick bescheren.

Homeoffice auf Reisen: ein Selbstversuch.
Arbeiten auf Reisen – und vielleicht auch einfach da bleiben.

Alle Bilder inklusive Artikelbild: © Pia Gralki

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