Gemeinwohl-Ökonomie: Nachhaltige Wirtschaft im Faktencheck.

Immer mehr Menschen wünschen sich ein nachhaltigeres Wirtschaftsmodell. Das wird besonders in Zeiten des Klimawandels eine immer dringlichere Notwendigkeit. Doch wie kann sich eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Wirtschaft konkret gestalten? Die Initiative zur Gemeinwohl-Ökonomie stellt dafür ein Messinstrument vor: Die Gemeinwohl-Bilanz. Was rund 400 Unternehmen schon umgesetzt haben, könnte in Zukunft zum internationalen Standard werden – so zumindest die Vision. Was genau hinter dem „Gemeinwohl“ steckt und welche Veränderungen es für Unternehmen bereithält, erfährst du hier.

Wirtschaftliches Wachstum? Ja, aber für alle!

Der Begriff des Gemeinwohls ist nicht neu – ganz im Gegenteil, er geht weit an den Beginn der europäischen Kulturgeschichte zurück. So brachten ihn bereits die alten Griechen ins Gespräch und erklärten das Gemeinwohl zum Selbstzweck einer politischen Gemeinschaft. Der Initiator der heutigen Bewegung zur Gemeinwohl-Ökonomie Christian Felber versteht darunter ein Wirtschaftssystem, in dem unternehmerischer Erfolg neu definiert werden soll. Das „Denken in Zahlen“ soll einem „Denken in Werten“ weichen. Um eine werteorientierte Wirtschaftsweise zu fördern, könnten Unternehmen, die ihre Wertschöpfungskette nach ethischen Richtlinien organisieren, wiederum marktwirtschaftliche Vorteile genießen. Ihr Erfolg würde innerhalb der Gemeinwohl-Ökonomie nicht mehr anhand der Umsatzsteigerung gemessen werden, sondern inwiefern ihr wirtschaftliches Handeln etwas zum Gemeinwohl – also zum Wohle der gesamten Gesellschaft – beiträgt.

Gemeinwohl-Ökonomie in der Wirtschaft
Umwelt vor Wirtschaft? So fordert es die Gemeinwohl-Ökonomie und setzt auf eine Verschränkung von wirtschaftlichem und ethischem Denken.
Foto von Susan Yin auf Unsplash

Gemeinwohl messen: Die Gemeinwohl-Bilanz.

Doch wie genau lässt sich ein Beitrag zum Gemeinwohl messen? Die beständig wachsende Initiative zum Gemeinwohl hat hierfür genaue Kategorien entwickelt. Im Zentrum steht ein Unternehmertum, das sich sowohl bei internen als auch externen Aktivitäten nach der Einhaltung der Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, sowie nach ökologischer Nachhaltigkeit, Transparenz und Mitentscheidung richtet. Dieser ethische Kodex findet sowohl bei den Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter/-innen Anwendung, als auch im Umgang der Firma mit Lieferanten, Finanzpartner/-innen und Kundinnen und Kunden. Zudem wird in der Bilanzierung sichtbar, welchen positiven Einfluss das Unternehmen auf dessen direktes gesellschaftliches Umfeld nimmt. In der Gemeinwohl-Bilanz werden dann prozentual Punkte ermittelt, beispielsweise, wie transparent Firmenprozesse für die Angestellten aufbereitet werden, wie nachhaltig die Standards der bezogenen Vorprodukte sind und wie sehr Kundinnen und Kunden ein Mitspracherecht bei der Produktverbesserung erhalten.

Neugierig geworden, wie eine Gemeinwohl-Bilanz konkret aussieht? Hier kannst du dir z. B. die Bilanz des Weiterbildungsunternehmens WBS TRAINING aus dem Jahr 2015 anschauen. Weitere freiwillige Bilanzierungen gibt es hier.

Gemeinwohl-Bilanz für nachhaltige Standards
Die Gemeinwohl-Bilanz: Aus der Summe der einzelnen Schnittpunkte setzt sich die Punktzahl des jeweiligen Unternehmens zusammen. Sie zeigt an, wie hoch der Beitrag zum Gemeinwohl ist und wo es noch Verbesserungsbedarf gibt. Die höchste Punktzahl liegt bei 1000 Gemeinwohl-Punkten. Quelle: ecogoods.de

Vorteile der Gemeinwohl-Ökonomie für Unternehmen und Verbraucher.

Aber warum sollten Unternehmen überhaupt eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen? Die Gemeinwohl-Ökonomie denkt nicht nur in Karmapunkten, sie denkt auch in wirtschaftlichen Vorteilen. Nachhaltiges und ethisches Wirtschaften soll belohnt werden, zum Beispiel durch Zoll- und Steuervergünstigungen, aber auch durch eine Bevorzugung im öffentlichen Einkauf oder durch leichtere Förderungszugänge. Verbraucher/-innen, die ihre Kaufentscheidung nach Gemeinwohl-Punkten treffen möchten, könnte in Zukunft ein Siegel im Ampelsystem-Look darüber aufklären, welches Produkt als „grün“ oder eher „rot“ einzustufen ist. Zudem würden durch diese marktwirtschaftlichen Vorteile vor allem Produkte günstiger werden, die einen hohen Beitrag zum Gemeinwohl leisten. Die Bilanz soll so konstruiert sein, dass sie für Unternehmen jeder Größe und Branche anwendbar wird – von mittelständigen Familienbetrieben und öffentlichen oder gemeinnützigen Einrichtungen bis hin zu börsennotierten Konzernen. Eine variable Gewichtung der jeweiligen Themen ist ebenfalls in das Konzept integriert, sodass die unterschiedlichen Wirkungen der jeweiligen Branchen auf die Gesellschaft auch entsprechend individuell bewertet werden können.

Gemeinwohl-Ökonomie für Kunden und Verbraucher
Woher weiß ich, welche Produkte wirklich nachhaltig erzeugt wurden? Damit Verbraucher/-innen in Zukunft selbstbestimmter entscheiden können, was ihnen ins Netz kommt, setzt sich die Gemeinwohl-Ökonomie für mehr Transparenz der Herstellungsverfahren ein.
Foto von Sylvie Tittel auf Unsplash

CSR-Richtlinie und Gemeinwohl-Ökonomie.

Damit stellt die Gemeinwohl-Bilanz ein Messinstrument zur Einhaltung der innerhalb der EU ab 2017 verabschiedeten CSR-Richtlinie vor. CSR steht für Corporate Social Responsibility und beinhaltet die Beitragspflicht für börsennotierte Unternehmen mit über 500 Beschäftigen, für jedes Geschäftsjahr auch eine nicht-finanzielle Erklärung abzugeben. Diese Erklärung soll Informationen zum Umgang der Firmen mit Themen wie Nachhaltigkeit, Arbeitnehmerbelange und der Einhaltung der Menschenrechte in den einzelnen Wirtschaftsprozessen darlegen. Allerdings wendet diese Richtlinie keine Gewichtung dieser neuen Standards an, wodurch eine konkrete Beurteilung der jeweiligen nicht-finanziellen Erklärung eingeschränkt wird. Die Gemeinwohl-Bilanz wiederum stellt den Anspruch, ein Konzept zu liefern, mit dem sich die Einhaltung der CSR-Richtlinien nicht nur messen, sondern auch mit anderen Firmen vergleichen lässt.

Demokratie und Gemeinwohl.

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist noch in weiteren Aspekten umfassender formuliert als die bereits zur positiven Pflicht gewordene CSR-Richtlinie der EU. Gemeinwohl-orientierte Unternehmen sollen nicht nur der Gesellschaft dienen, sie sollen sich auch demokratisch organisieren. Hier gilt eine einfache Faustregel: Je größer das Unternehmen, desto mehr Stimmrechte werden an Mitarbeiter/-innen und die Gemeinschaft übertragen. Finanzüberschüsse könnten dann denjenigen zugutekommen, die sie mehrheitlich erwirtschaftet haben – den Arbeitnehmer/-innen. Außerdem sollen „Demokratische Banken“ für die Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe sorgen und ebenso wie der Finanzsektor die Steigerung des Gemeinwohls zu ihrem höchsten Ziel machen.

Demokratie und Gemeinwohl-Ökonomie
Die Einführung demokratischer Banken soll vor allem Investitionen in lokale Wirtschaftsgemeinden unterstützen – wie beispielsweise den Ausbau von erneuerbaren Energien oder der nachhaltigen Landwirtschaft.
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Zukunftsmusik oder reale Alternative?

Kling gut, oder? Das finden auch die aktuell über 7700 Unterstützer/-innen und 2190 Unternehmer/-innen der Gemeinwohl-Ökonomie. Auf der anderen Seite erhält dieses alternative Wirtschaftsmodell natürlich neben einigem Gegenwind auch konstruktive Kritik. Diese weist vor allen Dingen auf die unterschiedlichen ökonomischen Ausgangsbedingungen und differenzierten politischen Systeme der aktuellen Weltgemeinschaft hin. Inwiefern sich hier alle beteiligten Länder auf den Konsens eines Gemeinwohls einigen könnten, bleibt fraglich. Auf europäischer Ebene jedoch wird die Gemeinwohl-Ökonomie sicherlich ein Thema der aktuellen Diskussion bleiben, vor allem, was das ihr zugrundeliegende Menschenbild und die Eindämmung des Klimawandels anbetrifft – hin zu mehr Solidarität, sinnstiftender Arbeit und ökologischer Verantwortung.

Du möchtest mehr über die Gemeinwohl-Ökonomie erfahren oder als Unternehmen selbst eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen? Auf der Webseite der Initiative werden alle nötigen Unterlagen und Ausfüllhinweise zur Bilanzierung bereitgestellt.

Artikelbild von Ben White

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