Durchblick mit Erblindung: Online-Weiterbildung zum Integrationsbegleiter

Online-Weiterbildung für Erblindete.

Im Dezember 2017 absolvierte Ibrahim Bilal mit Erfolg online eine Weiterbildung zum Integrationsbegleiter bei dem Bildungsanbieter WBS TRAINING. Das Besondere: Ibrahim Bilal ist blind. Andere Weiterbildungsinstitute hatten ihn zuvor abgewiesen – zu groß war der Respekt vor den speziellen technischen Anforderungen, die sein Handicap mit sich bringt. Denn um sich online barrierefrei zurechtzufinden und einen Computer zu bedienen, benötigt Ibrahim Bilal spezielle technische Hilfsmittel.

Mit dem Angebot „Lernen von zu Hause“ ermöglicht WBS die Teilnahme an einer Weiterbildung in den eigenen vier Wänden. So konnte Ibrahim Bilal den Kurs zum Integrationsbegleiter erfolgreich absolvieren. Im Interview berichtet er von seinen Erfahrungen, den Herausforderungen, die er gemeistert hat, und wie der Arbeitsalltag als Integrationsbegleiter aussieht.

Ibrahim Bilal hat mit Erblindung eine Weiterbildung zum Integrationsbegleiter absolviert.
Ibrahim Bilal hat mit Erblindung eine Weiterbildung zum Integrationsbegleiter absolviert.

Herr Bilal, seit wann sind Sie erblindet?

Ich habe 2005 durch einen Unfall in Syrien mein Augenlicht verloren. Insbesondere die ersten paar Monate danach waren sehr schwer für mich. Aber ich habe es geschafft, meinen Lebensmut nicht zu verlieren und weiterzumachen. Früher habe ich als Schneider und als Musiker gearbeitet. Ich spielte Klavier, Panflöte und Gitarre und hatte fast schon zu viele Hobbies und Berufe – sogar ein Buch habe ich veröffentlicht. Musik mache ich immer noch und hin und wieder helfe ich in einer Schneiderei in Bonn aus. Ich habe schon immer viel studiert und gerne gelernt.

Welche Herausforderungen erleben Sie in Ihrem Alltag?

Meinen Alltag empfinde ich als gar nicht so schwer. Ich bin den Herausforderungen, die er mit sich bringt, gewachsen. Als Sehbehinderter habe ich allerdings manchmal Probleme, alleine von A nach B zu kommen. Zu achtzig Prozent meistere ich meinen Alltag ganz normal und kann mich gut um mich selbst kümmern.

Sie haben eine Weiterbildung zum Integrationsbegleiter absolviert. Warum haben Sie sich für diesen Kurs entschieden?

Vor meiner Weiterbildung zum Integrationsbegleiter habe ich ein einjähriges Praktikum im Bereich Sozialberatung absolviert. Dort habe ich vor allem mit geflüchteten Menschen gearbeitet und diese bei Behördengängen und dem typisch deutschen Papierkram unterstützt. Während meines Praktikums habe ich gemerkt, dass ich diesen Weg auch in der Zukunft weitergehen möchte. Die Weiterbildung, die ich von zu Hause aus bei der WBS TRAINING machen konnte, war für mich die ideale Möglichkeit, dieses berufliche Ziel weiter zu verfolgen.

Ein anderer Grund, weshalb ich mich für die Weiterbildung zum Integrationsbegleiter entschieden habe, sind auch meine Sprachkenntnisse. Ich spreche Türkisch und Kurdisch, beherrsche zahlreiche arabische Dialekte und spreche außerdem Deutsch – darauf bin ich wirklich stolz. Früher bin ich viel gereist und habe unterschiedliche Länder besucht. Jetzt kann ich den Leuten dabei helfen, in ihrer neuen Heimat Deutschland anzukommen und sich zurechtzufinden. Das finde ich großartig.

Wie sieht ein typischer Tag als Integrationsbegleiter aus?

Man begleitet die Leute bei Behördengängen, beispielsweise zum Arbeitsamt, zum Jobcenter oder zur Ausländerbehörde. Während meines Praktikums habe ich gemerkt, dass ich die Menschen jedoch nicht nur begleiten, sondern ihnen auch darüber hinaus helfen kann. Ich versuche beispielsweise, ihnen das Prinzip des Sozialstaates zu erklären, denn das kennen viele aus ihren Heimatländern oft nicht. Indem ich sie über deutsche Besonderheiten aufkläre (Stichwort: Papierkram!), kann ich sie beruhigen und ihnen eventuelle Ängste vor den Behörden nehmen.

Was halten Sie von der Möglichkeit, sich von zu Hause aus weiterbilden zu können?

Die Möglichkeit, die Weiterbildung von zu Hause aus zu absolvieren, hat mir viele Hindernisse erspart, die sich mir an einem Standort in den Weg gestellt hätten. Es ist ja sogar für manche Sehende schwierig, sich an einem neuen Ort zurecht zu finden. Daher war die Möglichkeit für mich ideal. Das gesamte Team, allen voran Raik Najmann, hat mich während der gesamten Zeit sehr unterstützt. Herr Najmann hat beispielsweise alle Geräte, die ich für die barrierefreie Weiterbildung benötige, für mich installiert. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Ich finde, er hat ein goldenes Herz.

Welches spezielle technische Equipment nutzen Sie für den PC?

Ich verwende spezielle Bedienungshilfen für Sehbehinderte. Zum Vorlesen und Schreiben verwende ich zum Beispiel ein Sprachausgabeprogramm. In der Praxis sieht das so aus: Ich fahre den PC hoch und er spricht gewissermaßen mit mir, indem er sagt: „Ich bin gerade hochgefahren. Was soll als nächstes passieren?“ Ich bediene den Computer komplett mit der Tastatur, die Maus nutze ich gar nicht, da das viel zu lang dauern würde. Zudem nutze ich eine so genannte Braillezeile, eine elektronische Blindenschrift. Mit einer speziellen Software kann ich außerdem gedruckte Schrift für mich lesbar machen. Ich scanne zum Beispiel einen Brief ein, der daraufhin als Foto auf meinem Computer gespeichert wird. Das Programm wandelt dieses Bild wiederum in ein Word-Dokument um, das ich mir von der Sprachausgabe vorlesen lassen kann. Das Dokument kann ich dann ausfüllen, bearbeiten oder per Fax versenden.

Um mein iPhone bedienen zu können, nutze ich ebenfalls eine Sprachausgabe – Siri übernimmt dann alles Weitere für mich. Wenn ich zum Beispiel den Weg zu einer Adresse finden möchte, frage ich, wo ich gerade bin und lasse mich zu meinem Ziel lotsen. Oder ich frage sie nach der Telefonnummer der Ausländerbehörde, die findet Siri dann auch für mich.

Weshalb war es so schwer, einen Weiterbildungsanbieter zu finden?

Es gab keine entsprechenden Hilfsmittel für Blinde oder Sehbehinderte, daher hat es bei andern Anbietern nicht geklappt. Gemeinsam mit meiner Betreuerin, die ich noch von meinem Praktikum kenne, bin ich schließlich auf WBS TRAINING aufmerksam geworden und dort auf die Weiterbildung zum Integrationsbegleiter gestoßen. Ich habe direkt gespürt, dass der Kurs perfekt zu mir passt und dass ich gerne in diesem Bereich arbeiten würde.

Was hat Ihnen an der Weiterbildung am besten gefallen? Was würden Sie verbessern?

Da gibt es so viele Aspekte. Sowohl die Unterrichtsmethode, also das Live-Online-Format, als auch die Unterrichtszeiten von 8 bis 16 Uhr haben mir sehr gut gefallen. Das Unterrichtsmaterial, das einem zur Verfügung gestellt wird, ist umfangreich und fundiert. Zudem habe ich viele nette Trainer und andere Lernende kennen gelernt.

Was ich verbessern würde, wäre, dass man Sehbehinderte und Blinde bzw. generell Menschen mit einer körperlichen Behinderung, gezielter ansprechen könnte. Denn vielen ist vielleicht gar nicht klar, dass auch sie eine Weiterbildung absolvieren können. Diese Info sollte besser kommuniziert werden, damit Sehbehinderte sich ihrer Möglichkeiten mehr bewusstwerden.

Welche Tipps haben Sie für andere Erblindete oder Sehbehinderte, die sich beruflich weiterentwickeln möchten?

Ich kann allen Sehbehinderten und Blinden nur empfehlen, eine Weiterbildung bei WBS TRAINING zu machen. Ich habe bereits mit einigen Leuten aus meinem Bekanntenkreis gesprochen und ihnen den Tipp gegeben. Sie interessieren sich ebenfalls für die Weiterbildung zum Integrationsbegleiter, das freut mich natürlich ganz besonders. Ich sage immer: Bildung ist an keine Jahreszeit gebunden – man kann sich jederzeit weiterbilden und weiterentwickeln. Bildung ist die Voraussetzung, wenn man ein gutes Leben führen will. Und das gilt für Menschen mit einer körperlichen Behinderung ebenso wie für Menschen ohne Behinderung.

Info: Hilfsmittel für Blinde – Vorlesesysteme, Brailletastatur und Spracherkennung

Um Hardware und Software am PC nutzen zu können, stehen erblindeten Menschen und Menschen mit Sehbehinderung unterschiedliche Hilfsmittel zur Verfügung. Vorleseprogramme („Screenreader“) lesen beispielsweise Webseiten aus und setzen digitalen Text in Sprache um. Spezielle Ausgabe-Systeme, so genannte Braillezeilen, stellen den Bildschirmtext in der Blindenschrift Braille dar und machen damit Textinhalte für Blinde lesbar bzw. fühlbar. Über eine Brailletastatur oder ein Spracherkennungsprogramm können Menschen mit einer Sehbehinderung außerdem Text eingeben und diktieren.

Das Artikelbild ist von Chris Liverani.

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