Die Journalistin Tina Groll ist Expertin für die Themen Frauen, Karriere und Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sie betreibt das Portal dieChefin.net, einen Blog für Führungsfrauen, und arbeitet als Redakteurin bei ZEIT ONLINE, hier verantwortet sie das Ressort Karriere. Wir haben sie zum Thema Elternzeit und Wiedereinstieg in den Beruf interviewt.

Hallo Frau Groll, wer nimmt heute eigentlich Elternzeit?

Traditionell sind es immer noch häufiger die Frauen, die in Elternzeit gehen. Über 90 Prozent nehmen meist eine 12-monatige Auszeit vom Job, um sich um ihre Kinder zu kümmern. Gehen Männer in Elternzeit, nehmen etwa 80 Prozent eine Auszeit von lediglich zwei bis vier Monaten. Der Löwenanteil liegt also weiterhin bei den Frauen. Dabei wünschen sich viele Männer, in Elternzeit zu gehen, haben aber schlichtweg Angst um ihre Karriere. Wer 12 Monate aus dem Job raus ist, hat es häufig schwer, dort anzuknüpfen, wo er aufgehört hat. Es liegt also nicht unbedingt an veralteten Rollenbildern, sondern an den bestehenden Strukturen, z.B. handhaben viele Firmen und Arbeitgeber den Wiedereinstieg nach der Elternzeit nicht optimal.

Was sind denn die größten Herausforderungen beim Wiedereinstieg?

Die Schwierigkeiten beginnen häufig schon mit der Bekanntgabe der Schwangerschaft. Immer wieder berichten Arbeitnehmerinnen, dass sie in dieser Situation ganz offen von ihren Vorgesetzten Sätze wie: ‚Dann können wir Sie jetzt nicht mehr gebrauchen‘ zu hören bekommen. Und auch Männern, die den Wunsch nach einer längeren Elternzeit äußern, bekommen zu spüren, dass sie als nicht mehr an der Karriere interessiert wahrgenommen werden. In einigen Unternehmen herrscht nach wie vor die Einstellung: Menschen mit Kindern haben weniger Zeit und können deshalb gleichzeitig weniger Energie und Enthusiasmus für ihre Arbeit aufbringen. Gerade deshalb scheuen Männer häufig längere familiäre Auszeiten. Und da es immer noch überwiegend die Männer sind, die mehr Geld verdienen, finden sich viele Familien in der klassischen Rollenverteilung wieder. Sie arbeitet Teilzeit als Zuverdienerin, er arbeitet Vollzeit und verpasst wertvolle Zeit mit der Familie.

Was bedeutet das konkret für Eltern, die nach der Elternzeit wieder einsteigen?

Konkret bedeutet das, dass häufig aus spannenden Vollzeitstellen nach der Elternzeit langweilige Teilzeitjobs werden. Und das ist ein Problem. Rund zwei Drittel der erwerbstätigen Mütter in Deutschland arbeiten Teilzeit. Viele von ihnen würden gerne die Arbeitszeit aufstocken – aber die Arbeitgeber bieten überwiegend nur klassische Halbtagsstellen an. Das ist für die betroffenen Frauen nicht nur finanziell auf lange Sicht ein Desaster. Sie verdienen deutlich weniger Geld und meist ist der neue ‚alte‘ Job auch weniger anspruchsvoll. Teilzeit-Mitarbeiterinnen werden seltener in große Projekte eingebunden und haben weniger Chancen auf Weiterbildungen oder Karrieresprünge. Zudem werden Ihre Leistungen häufig schlechter beurteilt.

Was muss sich ändern?

Unternehmen müssen flexible Arbeitszeitmodelle anbieten – für Männer und für Frauen. Es braucht vollzeitnahe Stellen, die ein Auskommen ermöglichen und nicht dazu führen, dass aus ehemals engagierten Mitarbeitern frustrierte Teilzeitler werden. Familienfreundlichkeit ist für viele Arbeitnehmer ein entscheidendes Kriterium für die Wahl des Arbeitgebers. Arbeitgeber können sich ein Versäumnis an dieser Stelle schlichtweg nicht mehr leisten. Bei Männern liegt die Teilzeitquote übrigens bei unter zehn Prozent. Für sie ist Teilzeitarbeit meist nur eine Notlösung und keine bewusste Entscheidung für die Vereinbarkeit von Job und Familie – häufig haben sie einfach keine Vollzeitstelle gefunden. Hier können Vorbilder helfen. Und vielleicht auch politische Maßnahmen, wie etwa das von Familienministerin Manuela Schwesig vorgeschlagene Familiengeld, eine Lohnersatzleistung für junge Eltern, die beide vollzeitnah arbeiten.

Kann eine Weiterbildung innerhalb der Elternzeit hilfreich sein?

Eine Weiterbildung in Präsenz ist während der Elternzeit meist nicht machbar, man bleibt schließlich zu Hause, um die Kinder zu betreuen. Aber: Manche Eltern verspüren bereits während der Elternzeit den Wunsch, sich – soweit es die Zeit zulässt – weiter mit ihrem Beruf zu beschäftigen. Während der Elternzeit nutzen sie etwa Bücher und Online-Kurse, um sich auf den neusten Stand ihrer Branche zu bringen oder sich neue Kompetenzen anzueignen. Hier sind vor allem Angebote interessant, die zeit- und ortsunabhängig sind, wie z. B. Webinare.

Was raten Sie Eltern kurz vor dem Wiedereinstieg in den Beruf?

Vor der Elternzeit sollten natürlich alle rechtlichen und organisatorischen Aspekte mit dem Arbeitgeber geklärt werden. Hier lohnt es sich, mit den Vorgesetzten und der Personalabteilung einen Plan zwecks Übergabe und Zeitraum der Rückkehr zu machen. Es kann sich auch lohnen, in der Elternzeit den Kontakt mit den Kollegen zu halten – etwa, indem man mit dem Kind mal ins Büro zu Besuch kommt. Je nach Branche sind auch Weiterbildungen sinnvoll. Leider haben nicht alle Arbeitgeber Bildungsprogramme für Beschäftigte in Elternzeit im Angebot. Oft müssen sich die Arbeitnehmer selbst darum kümmern und Weiterbildungen gezielt einfordern.

Frau Groll, vielen Dank für das Gespräch.

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