Strategien für die berufliche Durststrecke

Endlich hast du dein Abschlusszeugnis in der Tasche — eigentlich ein Grund zum Feiern. Doch dann stellst du fest, dass auf dem Arbeitsmarkt niemand auf dich gewartet hat und du findest dich in der Warteschlange beim Jobcenter wieder. So erging es auch Nele Siegers*. Sie ist 27 Jahre alt, lebt in Berlin und war nach ihrem Bachelorabschluss erstmal auf Arbeitssuche. Mittlerweile hat sie einen festen Arbeitsplatz in der Kreativszene gefunden. Hier erzählt sie, wie sie die Überbrückungsphase für ihre eigenen Ziele und Interessen genutzt hat.

Das Bild zeigt eine Portraitaufnahme der Interviewpartnerin Nele.
Nele Siegers

Nele, was hast du studiert?

Ich habe einen Bachelor in Kunstwissenschaften absolviert und im Nebenfach Medienwissenschaften studiert. Mein Schwerpunkt waren die Darstellenden Künste, hier habe ich mich auf Performancekunst spezialisiert und selbst an Aufführungen und Projekten mitgewirkt.

Hast du dir zu Beginn deines Studiums Gedanken über die Jobsuche nach dem Studium gemacht?

Ich wollte etwas möglichst Kreatives studieren und habe mir zunächst den Studiengang Kunstwissenschaften ausgesucht, weil man damit sozusagen in jeden Kulturbereich quereinsteigen kann. Außerdem habe ich während des Abiturs eine Beratung beim Jobcenter in Anspruch genommen, um herauszufinden, welcher Studiengang am besten zu mir passt. Hier wurde mir auch der wissenschaftlich kommunikative Bereich empfohlen. In der finalen Phase meines Studiums habe ich gemerkt, dass es super wichtig ist, sich schon während des Studiums zu spezialisieren. Deshalb habe ich meinen Fokus immer mehr in Richtung Performancekunst verschoben. Aber wo es konkret nach dem Abschluss hingehen sollte, das wusste ich zu Beginn meines Studiums nicht.

Wie lang war deine Überbrückungsphase vom Abschluss bis zum Job?

Ich habe 2014 meinen Bachelorabschluss gemacht und musste mich danach erstmal arbeitssuchend melden, weil so schnell keine Stelle in Sicht war und irgendwo musste das Geld ja weiterhin herkommen. Während dieser letztendlich anderthalb Jahre habe ich viele Praktika gemacht, gejobbt, und versucht, eigene Projekte und Interessen voranzutreiben.

Meine Bewerbungen für die verschiedenen Kulturinstitutionen waren fast alle initiativ. Ich habe mich dabei vor allem von meinen Interessen und Empfehlungen von Freunden leiten lassen.

Was für Praktika waren das? Inwiefern waren sie wichtig für deine berufliche Laufbahn?

Ich habe eine Regie-Hospitanz am Deutschen Theater gemacht und ein Praktikum am Hamburger Bahnhof absolviert. Außerdem habe ich in der Villa Aurora – einer traditionsreichen Künstlerresidenz in Los Angeles – gearbeitet und in Produktionsfirmen für Musikvideos und Dokumentarfilme in Berlin für ein paar Monate Projekte unterstützt. Ohne diese ganzen Praktika wäre es für mich nicht möglich gewesen, in der Kreativwirtschaft Fuß zu fassen. Um diese überhaupt finanzieren zu können, bei einer durchschnittlichen Monatsvergütung von 300 Euro, trotz Abschluss, war eine Anmeldung beim Jobcenter unumgänglich. Zum Glück hat das Jobcenter die meisten meiner Praktikumsanfragen damals bewilligt und mich unterstützt, wenn ich mit einer konkreten Idee zu ihnen gekommen bin. Meine Bewerbungen für die verschiedenen Kulturinstitutionen waren fast alle initiativ. Ich habe mich dabei vor allem von meinen Interessen und Empfehlungen von Freunden leiten lassen.

Ist der Begriff “Generation Praktikum“ aus deiner Sicht positiv oder negativ zu bewerten?

Ich finde es schade, dass sich dieser Begriff für meine Generation überhaupt etabliert hat. Schließlich spiegeln sich hier eher die aktuellen Strukturprobleme des Arbeitsmarktes gerade für frischgebackene Absolventen wider. Manchmal gibt es einfach keine andere Möglichkeit, als gefühlt 100 Praktika zu machen, um irgendwo endlich mal anzukommen. Klar ist es schön, für ein paar Monate einen Einblick in eine Institution bzw. ein Unternehmen zu erhalten. Aber am Ende kommt keine Stelle dabei raus und es geht nicht weiter.

Entweder man kann sich glücklich schätzen und hat dieses kulturelle Netzwerk bereits, oder man muss es sich selbst aufbauen.

Gab es auch Momente, in denen du frustriert warst?

Ja, die gab es oft. Aber da hilft nur, nicht passiv zu werden. Ich habe mir in der Zeit der Arbeitssuche viele verschiedene Interessengruppen gesucht, und versucht, Referenzen aufzubauen, die für mein späteres Berufsleben wichtig sein könnten. In meinem Fall hieß das, zum Beispiel an Schreibwettbewerben teilzunehmen und ehrenamtlich für einen Blog für Kunst und Kultur zu schreiben. Ich habe mir einfach gedacht: Entweder man kann sich glücklich schätzen und hat dieses kulturelle Netzwerk bereits, oder man muss es sich selbst aufbauen. Und genau das habe ich dann auch getan. Ich hatte auch Phasen, in denen ich absolut keine Idee mehr hatte, wo ich mich jetzt noch initiativ bewerben kann. Aber dann muss man sich erneut motivieren, Veranstaltungen zum Vernetzen finden und die Angebote wahrnehmen, die einem die eigene Umgebung oder Stadt bietet.

Wie hast du es geschafft, dir über diese Zeit des konstanten Bewerbens deine Motivation zu erhalten?

Abgesehen von meinem Ziel, mich beruflich weiterzubilden, zum Beispiel im Medienbereich, habe ich angefangen, viel Sport zu treiben, mich auf eine gute Ernährung konzentriert, sehr oft den Austausch zu meinen Freunden gesucht. Und vor allem habe ich versucht, Spaß am Leben zu haben. Das Gefühl, nicht gebraucht zu werden und keine feste Struktur zu haben, ist einfach ernüchternd. Also habe ich mich bemüht, genau diese Struktur, die mir gerade kein Job geben kann, selbst einzurichten. Man kann alles Mögliche tun: Eine neue Sprache oder ein Instrument erlernen, Sportkurse mitmachen, sich weiterbilden, Ausstellungen besuchen und auf dem Laufenden bleiben. Ich hatte in Berlin das Glück, von den Vorteilen des berlinpass zu profitieren. Das war sehr wichtig für mich, weil ich damit umsonst in alle Kulturinstitutionen gekommen bin und zahlreiche Theaterstücke sehen konnte. Für meinen späteren Berufsweg war das super hilfreich, nicht abgeschnitten vom kulturellen Leben und weiterhin mobil unterwegs zu sein. Aber all diese Angebote muss man auch in Anspruch nehmen, das hat viel mit Selbstmotivation zu tun. Es ist wichtig, rauszugehen und weiterzumachen.

Wenn es keinen Unterschied macht, ob du früh oder spät aufstehst, dann solltest du dir deinen Tag so strukturieren, dass es wieder einen Unterschied macht.

Wo hast du jetzt Fuß gefasst und wie kam es dazu?

Ich bin Produktionsassistentin für Filmemacher und vor allem für die Recherche und Vorbereitung der unterschiedlichen Projekte zuständig. Was mir besonders an dieser Position Spaß macht, sind die täglich wechselnden Herausforderungen, an denen ich wachsen kann. Sei es mit Institutionen in Amerika zu telefonieren für Recherchezwecke, Interviews zu konzipieren und durchzuführen, Trailer für Filme zu gestalten oder Drehbücher durchzuarbeiten: Ich lerne hier jeden Tag etwas Neues. Kennengelernt habe ich die Filmemacher über einen Kontakt, den ich von einem meiner vielen Praktika hatte. Derjenige hat sich sozusagen meinen Namen gemerkt und mich dann weitervermittelt.

Was hast du über dich während dieser Zeit gelernt? Hast du Empfehlungen für Absolventen/-innen in ähnlichen Situationen?

Ich habe gelernt, mich selbst zu motivieren und mir selbstständig eine Alltagsstruktur zu schaffen. Wenn es für andere keinen Unterschied macht, ob du früh oder spät aufstehst, dann solltest du dir deinen Tag so strukturieren, dass es wieder einen Unterschied macht, für dich. Und ansonsten würde ich sagen: Einfach machen! Wirklich, einfach ausprobieren und nicht zu Hause sitzen und sich ewig den Kopf zerbrechen. Raus in die Welt und etwas Neues anfangen, das bringt dich immer weiter.

Vielen Dank für das Gespräch und deine tollen Ratschläge, Nele! Wir wünschen dir weiterhin alles Gute.

*Name von der Redaktion geändert.

Schreibe ein Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.