Könnte eine Maschine auch Ihren Job verrichten?

Künstliche Intelligenz hat die fiktionale Grenze der Kinoleinwand in Science Fiction Filmen längst überschritten. Roboter sind heute fester Bestandteil unserer Arbeitswelt. Fleißig ersetzen und ergänzen sie bereits menschliche Arbeitskraft. Wie wirkt sich das auf den Arbeitsmarkt und unsere Jobchancen aus? Längst häufen sich die pessimistischen Prognosen von Massenarbeitslosigkeit – verursacht durch Automatisierungstechnik, Roboter und Algorithmen. Die Delphi-Studie Arbeit 2050 des Millenium Project gibt an, dass 2050 die globale Arbeitslosigkeit um 24 Prozent steigen wird. Eine weitere Studie im Auftrag der ING DiBa prognostiziert, dass 59 Prozent der untersuchten Arbeitsplätze in Deutschland durch neue Technologien in naher Zukunft gefährdet sind. Besonders administrative Tätigkeiten, beispielsweise im Sekretariat oder in der Sachbearbeitung, haben ein Risiko von 86 Prozent, dass sie bald entbehrlich sein könnten.

Der Mitarbeiter 4.0: Ein Roboter

Ob das Google Translate-Programm für Übersetzungen, eine automatische Paket-Station der Post oder Roboter am Empfang eines Hotels in Japan – in vielen Branchen werden gewisse Arbeitsschritte bereits von Maschinen und Programmen umgesetzt. Die vermeintlichen Vorteile: Menschliches Versagen, wie Müdigkeit und mangelnde Konzentration, ist nicht einprogrammiert. Zudem wird gespart: Ein Roboter verlangt keinen Lohn, wird niemals in eine Genossenschaft eintreten oder für bessere Arbeitsbedingungen auf die Straße gehen.

Deutschland hat den fünft größten Robotermarkt der Welt. Das spiegelt sich beispielsweise in der Automobilindustrie wider, wo bereits jeder zehnte Arbeiter ein Roboter ist. Diese Tendenz steigt auch in allen anderen Industrien wie Elektronik, Metall, Gummi und Plastik. Der Mensch wird sich daran gewöhnen müssen, in den nächsten Jahren auf einem ganz neuen Level mit Maschinen zusammenzuarbeiten.

Diktatur der Daten

Nicht nur menschliche Muskelkraft wird durch Automatisierung ersetzt. Algorithmen können unser Leben erleichtern, wenn wir dafür die Transparenz unseres digitalen Ichs in Kauf nehmen. Algorithmen stellen vorgeschriebene Handlungen in Programmen dar, die hauptsächlich zur Problemlösung dienen. Dies wird besonders im Zusammenhang mit großen Datenbanken (Big Data) genutzt. Beispielsweise übernehmen jetzt schon sogenannte E-Discovery-Programme die Auswertung elektronisch gespeicherter Daten in Gerichtsurteilen. Dabei lernt das Programm bestimmte Suchbegriffe und Verhaltens- oder Argumentationsmuste,r zu erkennen.

Chatbots dagegen sind programmierte Dialogsysteme, die mithilfe von Textbausteinen Gespräche führen können. Der wohl bekannteste Chatbot ist die virtuelle, persönliche Assistentin Siri, aber auch auf vielen Telefonhotlines beraten inzwischen per Chatbots. Dabei sammeln sie Informationen, die in riesige Datenbank gespeichert werden. Auf diese greifen die Chatbots wieder zurück, um immer besser auf ihr menschliches Gegenüber reagieren zu können.

Ein Algorithmus als Marketingstratege

Nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren sogenannte Social Bots: Auf Twitter und Facebook werden Profile erstellt, hinter denen scheinbar Individuen stehen. In Wirklichkeit sind es synthetische Identitäten, die das Netz mit Kommentaren und Meinungen überschwemmen. Sie generieren tagtäglich Content für das Internet. Aus dem Material riesiger Datenbanken passen sie Informationen auf die konkreten Interessen und Bedürfnisse von Usern um.

Unsere eigene Aktivität auf Facebook geht auch nicht verloren: Durch Likes und Kommentare werden bestimmte Persönlichkeitsprofile erstellt. Unternehmen nutzen diese Informationen für ihr Marketing, beispielsweise in form von personalisierter Werbung. Die Daten können auch als politisches Instrument verwendet werden. Wenn Menschen anhand ihres Social Media-Verhaltens so gut analysiert und klassifiziert werden, wird das zum Beispiel in Wahlkampagnen genutzt.

Digitale Revolution in der Wirtschaft

Die digitale Disruption ist unaufhaltsam. Damit ist die Umwälzung in der Digitalwirtschaft gemeint, die Geschäftsmodelle und Dienstleistungen grundlegend verändert. Eine Innovation ist disruptiv, wenn es sich nicht nur um eine Weiterentwicklung, sondern um die Zerschlagung eines bestehenden Modells handelt. Beispielsweise hat die Erfindung von CDs die Musikwelt weiterentwickelt. Die Digitalisierung in der Musikindustrie dagegen hat zu einem revolutionären Umbruch in den Musikvertrieben geführt. Große Konzerne sind häufig zu unflexibel, um auf diese Änderungen zu reagieren. Start-Ups dagegen sind anpassungsfähiger für die neuen Bedingungen. Bei Neugründung stellen sich die jungen Unternehmen auf die digitale Disruption ein.

Wie wird also die zukünftige Arbeitswelt für den Einzelnen aussehen? Wird menschliche Arbeitskraft überhaupt noch benötigt?

Arbeiten 4.0: Neue Berufsbilder, neue Perspektiven

Die Arbeit wird sich zukünftig verändern. Berufe werden verschwinden. Allerdings sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche neue Tätigkeitsbereiche entstanden: weg von körperlicher Arbeit, hin zu geistigen Fähigkeiten, die kein Algorithmus übernehmen kann. Diese neuen Berufsbilder haben ihren Schwerpunkt in Spezialisierungen wie beispielsweise Energieberater oder Nahrungsmittelanalytiker, Medientrainer oder Nachhaltigkeitsmanager. Eine komplexe Welt schafft auch differenziertere Arbeitsbereiche. Heute werden besonders Spezialisten, Berater und Techniker gesucht, die Perspektiven filtern, Prozesse der Digitalisierung steuern oder neue, flexiblere Abläufe generieren und kontrollieren.

Strukturen der Arbeit von morgen

Diese Vorgänge ebnen den Weg für neue Arbeitsstrukturen mit flacheren Hierarchien und mehr Selbstbestimmung beim Arbeitsnehmer. Die schnelle, digitale Welt im Kapitalismus erfordert mehr Flexibilität, aber bietet gleichzeitig auch mehr Möglichkeiten. Viele Lebensläufe von heute wirken wie ein Portfolio von Projekten der individuellen Selbstverwirklichung. Ein Job auf Lebenszeit ist das Auslaufmodell der letzten Generationen. Auch der Ort der Arbeit wird sich verändern. Schon heute arbeiten viele im Homeoffice. Laut der Delphi-Studie Arbeit 2050 steigert sich dieser Prozess noch:

„Arbeit von morgen ist virtuell und findet im Metaversum (dem kollektiven virtuellen Raum) statt.“

Keine Angst vor neuer Technologie

Arbeiten 4.0 markiert eine Wende in unserer Gesellschaft. Allerdings: Wir können die Richtung selbst bestimmen. Veränderungen können verunsichern, lassen aber auch viel Spielraum für neue Möglichkeiten. Dabei gilt es, die neuen Technologien nicht als Konkurrenz, sondern als Hilfsmittel zu betrachten.

Bereits im 19. Jahrhundert stürzte die Erfindung der Fotokamera die Malerei in eine schwere Sinnkrise. Viele Maler glaubten, dass ihre Kunst nun überflüssig sei. Jedoch hat dies dazu geführt, dass man sich von realistischen Darstellungen abwandte und neue künstlerische Richtungen, wie Impressionismus oder Expressionismus, mit mehr Abstraktion entwickelte. Neue Technologien haben die Kreativität erweitert, nicht beendet.

Mehr Dimensionen durch Bildung

Eine gute Bildung ist Voraussetzung, um in einer hoch technischen Welt Schritt halten zu können. Von Spezialisten für Datenbanken über App-Entwickler bis zum Social Media Manager – Weiterbildungen und Umschulungen sind gefragter denn je. Private Bildungsträger bieten nicht nur zahlreiche Kurse im Bereich Digitalisierung an, sondern bedienen sich auch neuer Technologien, um Lernprozesse zu optimieren. Lernplattformen, E-Learning oder virtuelle Lernräume ermöglichen eine dezentrale, barrierefreie Bildung, zum Beispiel über Online-Weiterbildungen.

Arbeit im Wertewandel

Wenn Arbeit als sinnstiftender Faktor im Leben entbehrlich wird, gewinnen andere Werte wie Familie oder Individualität an Relevanz. In diesem Zusammenhang bekommt die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen neuen Aufwind. Immerhin sind im Gegenzug unentgeltliche Arbeit und unbezahlte Überstunden in gewissen, besonders kreativen Branchen selbstverständlich. Allerdings bleibt zweifelhaft, ob bestehendes soziales Ungleichgewicht dadurch aufgehoben wird. Fest steht, dass ein neues Modell der Arbeit Änderungen im Sozialsystem bedingen.

Beispielsweise schlug der österreichische Bundeskanzler Christian Kern eine Robotersteuer vor, da langfristig immer weniger Menschen immer mehr Kapital erzeugen. Der erwirtschaftete Erfolg von Maschinen soll geschätzt und als Steuer an den Staat gezahlt werden, um die schwindenden Sozialabgaben auszugleichen.

Mensch vs. Maschine

Etwas haben die Menschen den Maschinen immer noch voraus: Menschliche Eigenschaften wie Empathie, Kreativität und gesellschaftliche Verantwortung sind Fähigkeiten, die kein Roboter ersetzen kann. Daher haben besonders soziale Berufe gute Aussichten für die Zukunft, wie Kranken- und Altenpflege, soziale Arbeit und Schulbildung. Allerdings ist dafür Voraussetzung, dass ein Wandel im ökonomischen Wert dieser Arbeitskraft einhergeht. Unterbezahlung ist bis heute ein bedauerliches Merkmal von sozialen Berufen. Die Politik sollte auf die digitale Veränderung in der Wirtschaft reagieren, um den Fortschritt in die richtigen Wege zu leiten. Denn Berechnungen, Datensätze und Automaten können keine Pflege oder Bildung ersetzen. Daher steht gerade in Zeiten von Arbeiten 4.0 der Mensch im Mittelpunkt.

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